Rachefeldzug gegen Christen

Rachefeldzug gegen Christen

Lage in Ägypten: In dem Land am Nil gibt es eine starke Zunahme von Übergriffen der Islamisten gegen Andersgläubige. Auch die Anschläge auf Kirchen haben zugenommen.

  • Übergriffe auf Christen: Ein Ägypter fotografiert in der völlig zerstörten Prince-Tadros-Kirche in Minya, rund 245 Kilometer von Kairo entfernt. Das christliche Gotteshaus war von Islamisten in Brand gesteckt worden.
    Foto: dpa

Als die Angreifer kamen, saßen Schulleiterin Manal und ihre Mitschwestern Abeer und Demiana gerade beim Frühstück. Der Mob war sofort überall, brach Türen und Fenster der Franziskanerinnen-Schule in Beni Suef auf, schleppte alles davon – Computer, Projektoren, Schränke, Tische und Stühle. Wenig später brannte das 115 Jahre alte Gebäude lichterloh. Selbst das Kreuz im Eisengatter zur Straße brachen die Extremisten heraus und ersetzten es mit einer schwarzen Flagge, wie sie auch El Kaida benutzt. Die gesamte Schulbibliothek wurde ein Raub der Flammen. Alles Geld, was für einen Schulneubau angespart worden war, ließen die Täter mitgehen.

Sechs Stunden dauerte der Albtraum für die drei Nonnen und zwei weitere Angestellte, die sich während der Ferien auf dem Schulgelände aufgehalten hatten. Am Ende hätten die johlenden Angreifer sie und ihre beiden Mitschwestern wie Kriegsgefangene durch die Straßen paradiert, beschimpft und bedroht, berichtete Schulleiterin Manal der Nachrichtenagentur AP. Durch Zufall seien sie von einer muslimischen Frau gerettet worden, einer ehemaligen Lehrerin, deren Mann Polizist ist. Auch die beiden anderen Frauen hätten schließlich den Fängen des Mobs entkommen können, seien überall begrapscht und auf offener Straße sexuell misshandelt worden. „Es war der schiere Horror.“

Seit der gewaltsamen Räumung der beiden Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo am letzten Mittwoch mit über 600 Toten und 4000 Verletzten sehen sich die Christen in ganz Ägypten einem beispiellosen Rachefeldzug islamistischer Radikaler ausgesetzt. Fünf katholische Schulen in Minia, Suez und Assiut brannten teilweise bis auf die Grundmauern ab. In Suez und Assiut wurden zwei Klöster zerstört, in Minia ein kirchliches Waisenhaus schwer beschädigt. Auch in Kairo wurde nach Informationen von „Al Jazeera“ der Konvent der Franziskanerinnen im Stadtzentrum attackiert. In Alexandria lynchte der Mob auf offener Straße einen koptischen Taxifahrer, der mit seinem Wagen aus Versehen in eine Pro-Mursi-Demonstration hineingeraten war. Sieben Christen kamen bisher ums Leben, über 1000 wurden verletzt und 17 gekidnappt. Nach einer Liste der katholischen Kirchenführung in Kairo wurden darüber hinaus 58 Wohnhäuser, 85 Geschäfte und 16 Apotheken geplündert sowie drei Hotels in Luxor angezündet, die Kopten gehören. Und wie die Opfer berichten, sangen die Angreifer während ihrer Untaten Pro-Mursi-Songs, viele trugen grüne Stirnbänder mit der Aufschrift „Muslimbrüder“.

Und so breiten sich unter den Christen Angst und Schrecken aus. Sie fürchten die blinde Rache radikaler Islamisten, die die koptische Minderheit mitverantwortlich machen für den Sturz von Mohammed Mursi. Denn Papst Tawadros II. hatte am 3. Juli bei der Rede von General Abdel Fattah el-Sissi mit auf der Bühne gesessen. Auch seine Mitgläubigen applaudierten nahezu einhellig dem Vorgehen der Armee gegen die Muslimbrüder. Am Wochenende bekräftigten die koptischen Kirchenführer ausdrücklich ihre Unterstützung für den Kampf von Polizei und Armee gegen „bewaffnete gewalttätige Gruppen und schwarzen Terrorismus“.

Seit Jahrzehnten klagen die ägyptischen Kopten, die zu den ältesten christlichen Gemeinschaften des Orients gehören, über Diskriminierung und religiös motivierte Gewalt. Auch unter Hosni Mubarak und der ersten Militärherrschaft nach seinem Sturz gab es schwere Übergriffe. In der Neujahrsnacht 2011, sechs Wochen vor dem Sturz Mubaraks, riss ein bisher nicht ermittelter Selbstmordattentäter vor der Kirche der Zwei Heiligen in Alexandria 25 Betende mit in den Tod. Im Oktober 2011 fuhren Soldaten nach einer Christendemonstration mit gepanzerten Fahrzeugen in die Menge und walzten zwei Dutzend Kopten zu Tode. Während der Amtszeit von Mohammed Mursi wurde sogar die Markus-Kathedrale in Kairo, wo der Papst seinen Sitz hat, über mehrere Stunden von bewaffneten Extremisten beschossen.

Die jüngste Welle der Überfälle konzentriert sich bisher vor allem auf Beni Suef, Fayoum, Minia, Sohag und Assiut, alles Städte in Mittelägypten, wo die Islamisten stark sind und Christen teilweise bis zu 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. „Die meisten Gläubigen haben schreckliche Angst, niemand wagt sich mehr aus dem Haus“, berichtet ein junger Ingenieur aus Sohag. Die Angreifer wüssten genau, wo die Kopten lebten. Denn hier und anderswo beginnen die Islamisten inzwischen, alle Häuser und Geschäfte zu markieren – ein rotes X für Muslim, ein schwarzes X für Christ.

Warnung vor Exodus der Christen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker warnt vor einem Exodus von Christen aus Ägypten. Die Religionsfreiheit für Christen sei in dem Land nicht mehr gewährleistet, erklärte der Afrikareferent der internationalen Menschenrechtsorganisation, Ulrich Delius, am Sonntag in Göttingen: „Ägyptens Christen haben in dieser Woche die schlimmste gegen sie gerichtete Gewalt seit sechs Jahrhunderten erlebt.“ Es gebe immer weniger Perspektiven für sie, ihren Glauben zu praktizieren. Europa solle christliche Flüchtlinge aus Ägypten großzügig aufnehmen. Den Angaben zufolge wurden seit Mitte der vergangenen Woche in neun Provinzen Ägyptens bei Angriffen mutmaßlicher Islamisten 38 Kirchen vollständig zerstört und 23 weitere Gotteshäuser massiv beschädigt. Auch seien mehr als 110 Geschäfte von Kopten sowie drei Hotels angegriffen und zum Großteil geplündert worden. „Mit der Zerstörung der oft jahrhundertealten Gotteshäuser sind auch einzigartige Kulturgüter verloren gegangen“, fügte Delius hinzu. TEXT: epd

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