Taliban-Opfer bei der Uno: „Sie dachten, die Kugeln würden uns zum Schweigen bringen“

Taliban-Opfer bei der Uno: „Sie dachten, die Kugeln würden uns zum Schweigen bringen“

Von Marc Pitzke, New York

 

Malala Yousafzai: 16. Geburtstag im Uno-Hauptquartier

Die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai überlebte einen Mordanschlag der Taliban. Jetzt hat sie ihren 16. Geburtstag gefeiert – mit einer kämpferischen Rede im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, vor Hunderten begeisterter Jugendlicher.

„Sweet 16“ ist gar nicht mehr sweet. Die nordamerikanische Tradition, den 16. Geburtstag von Mädchen mit großen Partys zu feiern, ist hier längst zu Kitsch und Kommerz verkommen – der Abschied von der Kindheit als Prasserei und Protz, mit Stretchlimousinen, Haute-Couture-Ballkleidern und funkelnden Diamantenkolliers.

Malala Yousafzai wünscht sich etwas anderes. Die Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan, die im Oktober von einem Taliban-Extremisten in den Kopf geschossen wurde, ist zu ihrem 16. Geburtstag an diesem Freitag zwar erstmals nach New York City gekommen. Doch sie feiert lieber schlicht.

Sofern man einen Sitzungssaal der Vereinten Nationen schlicht nennen kann. Das Plenum des Treuhandrats, des deaktivierten Uno-Gremiums für Kolonialbesitzungen, wurde gerade erst edel renoviert. Trotzdem steht die Kammer mit den riesigen Fenstern zum East River meist leer.

An diesem Morgen ist sie bis auf den letzten Platz besetzt. Fast tausend aufgekratzte Kinder und Jugendliche aus mehr als hundert Ländern, in T-Shirts und Tuniken, Kleidern und Anzügen, haben sich zur Youth Assembly versammelt, einer Art Teenager-Vollversammlung. Doch der wahre Grund, weshalb sie hier sind, steht vor ihnen am Plexiglaspult: Malala Yousafzai.

„Sie ist unsere Schwester“, sagt der 27-jährige Aktivist Chernor Bah aus Sierra Leone, der die Sitzung leitet. „Eine Ikone, die uns inspiriert.“

Mit einem Schal von Benazir Bhutto

Klein ist sie, verschwindet fast in dem weißrosa Blumenschal, der ihr Haar einhüllt und einst, wie sie später verrät, Benazir Bhutto gehörte – der 2007 ermordeten pakistanischen Ex-Premierministerin und Oppositionspolitikerin. Malala schaut ernst, lächelt anfangs nur selten und noch schüchtern, als das gesamte Plenum ihr zu Ehren aufspringt und sie jubelnd begrüßt.

Die Rede im Uno-Gebäude ist ihr erster öffentlicher Auftritt seit dem Anschlag. Sie ist zugleich Höhepunkt ihrer Kampagne, jedem Kind auf der Welt eine Schulausbildung zu ermöglichen – auch den fast 60 Millionen, denen das bisher versagt bleibt. Es ist ein den Taliban verhasster Wunsch, den Malala selbst einforderte, als sie in Pakistan lebte. Und den sie fast mit dem Leben bezahlte.

Dem heimischen Swat-Tal ist sie fern. Malala wohnt heute in Großbritannien, wo sie sich von den vielen Operationen erholt und zur Schule geht. Ihre USA-Reise wird von der Werbeagentur Edelman organisiert, zu deren Kunden auch Microsoft, Starbucks und die saudi-arabische Regierung gehören. Malalas Memoiren („I am Malala“) kommen im Herbst heraus. Das Buch bringt ihr angeblich drei Millionen Dollar.

Die Vermarktung einer „Heldin“, gekürt vom Magazin „Time“, das sie bei der Wahl der „Person des Jahres“ knapp hinter US-Präsident Barack Obama auf Platz zwei setzte – nicht jeder goutiert diese Entwicklung, die Kritik wird lauter. Ex-Präsidententochter Chelsea Clinton schrieb im „Time“-Magazin: „Ihre Story ist bisher nur der Anfang.“

Das zeigt sich auch, als Malala nun zu reden beginnt. „Im Namen Gottes, des Gütigsten“, beginnt sie in der traditionellen Anrede ihrer Kultur – und dann: „Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll.“

Eine Rede, voller Bescheidenheit und Feuer

Doch sie legt eine fulminante Rede hin, wie sie selbst in den Uno-Hallen selten zu hören ist. Voller Bescheidenheit und Feuer, ein Appell an das Gute im Menschen – selbst das Gute in den Bösen. Die fordert sie heraus: „Die Taliban schossen mir in die linke Seite der Stirn. Sie schossen auch auf meine Freundinnen. Sie dachten, die Kugeln würden uns zum Schweigen bringen. Sie sind damit gescheitert.“

Sie fordert Freiheit und Frieden, beklagt Armut und Rassismus, fordert Schulbildung selbst „für die Söhne und Töchter der Taliban“, beruft sich auf Nelson Mandela und Martin Luther King und beschwört eine neue Generation gewaltloser Kämpfer: „Lasst uns das Wort ergreifen!“

Je länger sie spricht, desto selbstbewusster wird sie, ihre Stimme bald laut und fest. „Lasst uns unsere Bücher und unsere Stifte ergreifen, sie sind unsere mächtigsten Waffen!“, ruft sie unter lautem Beifall. „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern!“

In der ersten Reihe sitzt ihre Familie: Malalas Eltern Toorpekai und Ziauddin Yousafzai sowie ihre kleinen Brüder Khushal und Apal. Neben Malalas Mutter sitzt Yoo Soon Taek, die Ehefrau von Uno-GeneralsekretärBan Ki Moon. Beide Frauen wischen sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht.

„Ich bin dieselbe Malala“, versichert sie. „Meine Ambitionen sind dieselben. Meine Hoffnungen sind dieselben.“ Nur sei sie seit dem Anschlag mutiger – und werde erst recht nicht schweigen.

Dagegen verkümmern die bürokratischen Grußreden von Ban Ki Moon, dem Vollversammlungspräsidenten Vuk Jeremic und dem britischen Ex-Premier Gordon Brown, der Uno-Bildungsbeauftragter ist. Die Jugendlichen zollen Malala minutenlange Ovationen und verabschieden sie mit einem tausendstimmigen Geburtstagständchen: „Happy Birthday to you!“

Dann wird sie von den Wärtern fortgeführt – zum vierten Fototermin des Tages, in Bans Büro im 38. Stock des Uno-Hochhauses. Die Kampagne muss weitergehen.

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