Großbritannien: Und täglich ruft der Muezzin

 

Der öffentlich-rechtliche britische Fernsehsender Channel 4 überträgt während des muslimischen Fastenmonats Ramadan den nächtlichen Muezzin-Ruf. Im Land sorgt diese Entscheidung für hitzige Diskussionen. Kritiker werfen dem Sender Provokation und Alibi-Politik vor.

Der Fastenmonat der Muslime beginnt am 9. Juli. Dann fasten viele gläubige Muslime vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Am Dienstag sollen die fünf täglichen Gebete übertragen werden, beginnend um drei Uhr morgens. Bis zum Ende des Ramadan wird dann nur noch das erste Gebet des Muezzin Hassen Rasool gesendet, alle anderen sollen online auf der Seite von Channel 4 abrufbar sein.

Der Sender will zudem auch die genauen Zeiten für den Sonnenauf- und -untergang in seinen Wetterbericht aufnehmen. Auch in anderen Formaten wie „Ramadan Reflections” und „A very British Ramadan“ beschäftigt sich der Sender bis Anfang August mit dem Alltag der Muslime. Muslime reisen quer durch das Land und klären die wichtigsten Fragen zu dem für Muslime heiligen Monat.

Maßnahme wirkungslos?

Die aus Pakistan stammende Autorin Anila Baig prognostizierte in einem Gastbeitrag für die britische Tageszeitung The Sun, dass kaum einer ihrer Glaubensbrüder die Sendungen einschalten werde. Einerseits gebe es bereits muslimische Kanäle, die sich dem Thema Ramadan sehr intensiv widmeten. Andererseits verzichteten konservative Muslime während des Fastenmonats auch auf das Fernsehen.

Energischer Kritiker der Aktion ist der konservative Abgeordnete Conor Burns. Er bezeichnete die Entscheidung als „Alibi-Politik“. Wie die Süddeutsche Zeitung meldet, forderten mehrere rechte Gruppierungen ihre Mitglieder auf, das Programm von Channel 4 zu boykottieren. Der Daily Mail-Kolumnist A.N. Wilson kritisierte, dass dies lediglich eine weitere PR-Maßnahme des Senders sei: „Es ist deswegen keine gute Idee, weil es die Gesellschaft eher spaltet, als dass es die Muslime integriert.“

Der britische Muslimrat begrüßte die Ankündigung. Damit zeige der Sender die Zugehörigkeit der Muslime zur britischen Gesellschaft. Moderate Töne kamen auch von der britischen Gesellschaft zur Förderung der Säkularisierung. Deren Präsident Terry Sanderson wies darauf hin, dass das Fernsehen den Bedürfnissen der wachsenden Zahl von Muslimen Rechnung tragen müsse.

Raum für Alternativen

Nick Grande, Geschäftsführer des Fernsehratgebers ChannelSculptor mit Sitz in Dubai, sagte: „Ohne Zweifel wird der Sender für seinen Fokus auf eine religiöse Minderheit kritisiert werden. Aber es muss auch Raum für Alternativen und eine Stimme für die Unterrepräsentierten geben.“ Der Sender gerate dadurch nicht in eine thematische Schieflage. Er sei überrascht, dass der Schritt nicht früher gegangen worden ist, ergänzte Grande.

Sender-Manager Ralph Lee verteidigte die Maßnahme gegen die Kritik aus Politik und Gesellschaft. In einem Gastbeitrag für das wöchentliche Radio- und Fernsehprogramm Radio Times schrieb er, dass es sich um eine „beabsichtigte Provokation“ handele. Sie solle zeigen, dass der Islam nicht gleichzusetzen sei mit Terror und religiösem Fanatismus. Zugleich wies er darauf hin, dass in Großbritannien 2,8 Millionen Muslime den Fastenmonat aktiv feiern würden. Mit der Ausstrahlung des Gebetsrufes wolle der Sender auch zum Umdenken auffordern. (pro) 

 

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