Wie unter Hitler-Erdogan / Hilferuf aus der Türkei Sie fürchten um ihr Leben

 

Hilferuf aus der Türkei Sie fürchten um ihr Leben

29.06.2013 ·  In der Türkei wächst die Sorge der Künstler um ihre Sicherheit. Denn sie werden immer häufiger zur Zielscheibe in den aggressiven Reden von Erdogan. Nun haben sie ihre Angst öffentlich gemacht.

Von Karen Krüger

© Gokhan Yilmaz Die islamistische Zeitung „Yeni Akit“ hat eine Namensliste von Künstlern und Intellektuellen veröffentlicht, die den Protest gegen die Regierung unterstützt haben. Unter den genannten Namen findet sich auch: Zülfü Livaneli, Komponist, Sänger, Schriftsteller und Filmregisseur. Auch Hrant Dink ist einst in der Zeitung diffamiert worden.

Unter der Überschrift „Wir sind besorgt“ ist heute in der Türkei eine ganzseitige Anzeige in mehreren großen Tageszeitungen erschienen, die rund neunzig namhafte türkische Künstler unterzeichnet haben. Unter ihnen sind die Schriftsteller Yasar Kemal, Orhan Pamuk, Elif Shafak und Emrah Serbes, der Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der Autor- und Liedermacher Zülfü Livaneli, sowie der Fotograf Ara Güler, der Pianist Fazil Say, der Bildhauer Mehmet Aksoy und der Journalist und Dokumentarfilmer Can Dündar.

Die Anzeige liest sich wie ein Hilferuf. Der Text nimmt Bezug auf eine alte türkische Redewendung, die Tayyip Erdogan kürzlich in einer Ansprache verwendet hat. Sie besagt: „Die Füße sind zum Kopf geworden“. Ursprünglich abwertend gemeint, nämlich in dem Sinn, dass der Pöbel die Herrschaft übernommen hat, meinte Erdogan damit, dass nun die vormals Unterdrückten im Land das Sagen haben. Es ist eine weitere seiner gefährlichen Formulierung, mit der er die türkische Gesellschaft zu spalten versucht.

Die Anzeige der türkischen Künstler trägt die Überschrift „Wir sind besorgt“. Im Text formulieren sie, wie wichtig ihnen Kunst und Kultur sind. Ihr Engagement sei groß, würde ihnen aber auch Leid bescheren. Repressionen seien mittlerweile an der Tagesordnung.

 

Der gesamte Anzeigentext der Künstler lautet: „Kunst und Kultur sind wie unsere Lunge, sie halten uns am Leben, lindern unseren Schmerz. Als Künstler und Kulturschaffende haben wir die Werte, Schwierigkeiten und das Leid dieses Landes immer gesehen und gefühlt. Die Gesellschaft schenkt uns Anerkennung für unser Engagement, aber unser Einsatz beschert uns auch Leid, und wir erklären: Zorn und Hass liegen abermals der Luft. Es ist eine zunehmende Geringschätzung von Künstlern und Kulturschaffenden zu spüren, sie werden zur Zielscheibe, diffamiert, beschuldigt und müssen mit Repressionen rechnen. Äußerungen wie ‚die Füße sind zum Kopf geworden‘, säen Hass in der Gesellschaft. Das Reden von „wir“ und „ihr“ polarisiert sie immer weiter. Damit kein neues Unrecht geschieht, fordern wir, die Unterzeichner, dazu auf, die Sprache des Hasses sofort zu unterlassen, Künstler und ihre Werke nicht zur Zielscheibe zu erklären, und den Repressionen ein Ende zu bereiten.“

Tatsächlich wird die Situation für Künstler in der Türkei immer gefährlicher. Viele hatten die Proteste rund um den Istanbuler Gezi-Park unterstützt. Dafür lässt man sie nun bezahlen. In der vergangenen Woche etwa wurde Zülfü Livaneli bei einem Konzert in Mersin von Unbekannten tätlich angegriffen. Livaneli hatte im besetzten Gezi-Park gemeinsam mit Demonstranten Musik gemacht. Ein Mitinitiator der Aktionen, der junge Schauspieler und Theaterregisseur Mehmet Ali Alabora wurde von regierungsnahen Stellen mehrfach in einer Weise diffamiert, die einem Aufruf zur Lynchjustiz nahekommt.

Die regierungsnahe türkische Tageszeitung „Yeni Safak“ hatte Anfang Juni behauptet, dass das von Alabora auf die Bühne gebrachte Theaterstück „Mi Minor“ Unterstützung aus Großbritannien erhalten habe, und dass in den Proben eine Revolution in der Türkei vorbereitet worden sei. Die Zeitung beschuldigte Alabora, mit „ausländischen Spionen“ zusammenzuarbeiten.

Die islamistische Zeitung „Yeni Akit“ wiederum hat eine Namensliste von Künstlern und Intellektuellen veröffentlicht, die den Protest gegen die Regierung unterstützt haben. Unter den genannten Namen findet sich auch jener von Zülfü Livaneli. Dass solche Aktionen, die Menschen öffentlich an den Pranger stellen, in der Türkei tödliche Folgen haben kann, ist bekannt. Auch Hrant Dink, der armenisch-türkische Journalist, der im Jahr 2007 in Istanbul auf offener Straße erschossen worden ist, war zuvor in „Yeni Akit“ diffamiert worden.

 

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