Kirche: Auch homosexuelle Partnerschaften sind Familie

***UPDATE***Am Mittwoch hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Orientierungshilfe zum Thema Familie veröffentlicht. Darin spricht sie sich für die Öffnung der Kirche gegenüber homosexuellen Paaren aus. Katholiken und Evangelikale sehen das Papier kritisch.

Foto: Cristiana Pino/Fotolia

Die Kirche sei aufgefordert, Familie neu zu denken, heißt es in der Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. Beziehung bedeute auch für Christen vor allem eines: ein verlässliches Miteinander. „Liest man die Bibel von dieser Grundüberzeugung her, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen”, heißt es in dem Papier weiter, und schließlich: „Wo sich Menschen in den ihre Beziehungen entscheidenden Lebenssituationen unter den Segen Gottes stellen wollen, sollte die Kirche sich deshalb auch aus theologischen Gründen nicht verweigern.”

Die EKD sieht zudem einen Mangel an kirchlichen Ritualen für verschiedene Familienformen, etwa Alleinerziehende oder Regenbogenfamilien. Auch sie müssten ins kirchliche Leben einbezogen werden. Die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werde, dürfe nicht ausschlaggebend sein: „Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit und verlässlich aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und fürsorglich und respektvoll miteinander umgehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.”

EKD: Ehe ist durch und durch weltlich

Auch die Bibel zeuge von einer großen Vielfalt familialen Zusammenlebens, sie erzähle von Patchworkkonstellationen, von zusammenlebenden Geschwistern und auch von zärtlichen Beziehungen zwischen Männern. Die Ehe, so stellt die EKD mit Bezug auf Luther klar, sei ein durch und durch „weltlich Ding”. Sie sei für die evangelische Kirche kein Sakrament, nicht von Jesus selbst eingesetzt und damit keine absolut gesetzte Ordnung. „In einem Traugottesdienst feiern wir mit dem Paar, mit Freunden und Familie, dass die beiden ‚sich getraut’, sich den gemeinsamen Weg zugetraut und ihr Leben anvertraut haben, und bitten um Gottes Segen für diese Entscheidung und die gemeinsame Zukunft – nicht mehr, aber auch nicht weniger.” Daraus erwachse eine Freiheit im Umgang mit Geschiedenen und Alleinerziehenden, aber auch mit Homosexuellen.

In der Orientierungshilfe befürwortet die EKD zudem den Erhalt des arbeitsfreien Sonntags, familienfreundliche Arbeitszeiten und mehr Gleichberechtigung in der Kindererziehung. So sollen zum Beispiel mehr Betreuungseinrichtungen für Kinder berufstätiger Eltern geschaffen werden. Auch auf die gewachsene Zuwanderung aus anderen Ländern und die deshalb steigenden Zahlen interreligiöser Beziehungen geht die Orientierungshilfe ein: Gerade das Zusammenleben mit anderen Religionen erinnere an die eigene religiöse Prägung. Die Kirche stehe vor der Herausforderung, kirchliche Kasualien wie den Segen anlässlich einer Eheschließung oder die Bestattung so zu gestalten, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens daran teilnehmen könnten.

„Die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, so wie sie ist”

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärte am Dienstag bei der Vorstellung der Orientierungshilfe in Berlin, seine Kirche habe „kein lehramtliches Schreiben in hohem Ton” verfassen wollen, sondern versucht, „die Wirklichkeit so zur Kenntnis zu nehmen, wie sie ist”. Die Wahrnehmung von Familie habe sich seit den biblischen Zeiten verändert. Theologische Aussagen der EKD dürften nicht so abgehoben von der Wirklichkeit sein, dass es niemanden mehr betreffe. „Eins haben wir gelernt in unserer Kirche”, sagte Schneider: Hohe Normativität könne zu gesellschaftlicher Verachtung und Diskriminierung führen, wie das Beispiel unehelich geborener Kinder in der Vergangenheit gezeigt habe. Er sehe durchaus die Gefahr, dass das Papier konservativer eingestellte Christen aus der Kirche treiben könne. Dies würde aber auf eine „höchst emotionalen Leseweise” schließen lassen. Beim Thema Familie könne die EKD aber „keine Kompromisse machen”, auch im Hinblick auf die Ökumene. Zwar lehne die Bibel die homosexuelle Praxis ab, diese Passagen müssten aber von Jesus Christus her und im Lichte naturwissenschaftlicher Erkenntnisse interpretiert werden. „Es gibt Menschen, die sind auf ihr eigenes Geschlecht fixiert. Das ist keine Krankheit”, sagte Schneider. Die Annahme, man müsse die Homo-Ehe ablehnen, um die klassische Ehe zu retten, sei doch „dummes Zeug”.

Die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann, die die drei Jahre währende Ausarbeitung des Papieres geleitet hat, betonte, die Orientierungshilfe wolle zeigen, wie sich das Bild von Familie in den letzten Jahren erweitert habe. Dass die Kirche die hohe Bedeutung der Ehe keinesfalls vernachlässigen wolle, sagte die Soziologin Ute Gerhard. Die Institution der Ehe sei aber belastet durch ihre Geschichte. Wenn die Kirche von Ehe spreche, meine sie nicht eine Gemeinschaft, in der der Mann das alleinige Sagen habe. Die Orientierungshilfe wolle dazu beitragen, die Welt „von normativen Vorurteilen” zu befreien.

Diener: „inakzeptable theologische Einseitigkeit”

Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, kritisierte die EKD am Mittwoch scharf für ihr Papier: Es beinhalte eine „auffällige Abwertung sogenannter bürgerlicher Ehe- und Familienverständnisse und eine Absage an jedes normative Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung oder natürliche Schöpfungsordnung”. Die Orientierungshilfe weise „gravierende Mängel” auf, obwohl sie „vollmundig” behaupte, sich am Evangelium zu orientieren. Diener sprach von einer „vollkommen inakzeptablen” hermeneutischen und theologischen „Einseitigkeit”, die wegdeute, dass in der gesamten biblischen Überlieferung die Polarität der Beziehung von Mann und Frau als schöpfungsgemäß und konstitutiv betrachtet werde. „Was sich in der Orientierungshilfe als normativ aus dem Schriftzeugnis gewonnene und theologische verantwortete Positionierung bezeichnet, erscheint mit einem anderen Blick auf die biblische Überlieferung dann eben doch sehr schnell als Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen”, erklärte Diener. Es sei fraglich, ob eine solche Abwertung der Ehe politisch verantwortlich sei.

Am Donnerstag stellten sich auch die Katholiken gegen die Orientierungshilfe der EKD. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, warnte laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) davor, Ehe und Familie mit anderen Lebensformen gleichzustellen. Das neue EKD-Papier erwecke den Eindruck: „Alles ist möglich, und alles ist irgendwie gleichwertig”.Wenn die Positionen der Kommission die offizielle Leitlinie der Evangelischen Kirche werden, erschwert dies die Zusammenarbeit bei den anstehenden familienpolitischen Aufgaben und Entscheidungen sehr. Die dringlichste Aufgabe ist gegenwärtig, Artikel 6 des Grundgesetzes, den besonderen Schutz von Ehe und Familie, (…) kreativ und entschieden mit neuem Inhalt zu füllen.” Das ZdK ist das oberste Gremium der Laien in der Katholischen Kirche. (pro)

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