Strafe für gottloses Gezwitscher

 

Strafe für gottloses Gezwitscher

Ein türkisches Gericht hat den Pianisten Fazil Say wegen blasphemischer Twitter-Nachrichten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er selbst sieht durch den Schuldspruch die Meinungsfreiheit in seiner Heimat gefährdet.

Der aus der Türkei stammende Musiker Say hat nach Ansicht eines Istanbuler Gerichts in mehreren Twitter-Mitteilungen die „religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung” verletzt. Medienberichten zufolge wurde er deshalb am Montag zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Im vergangenen Jahr textete er etwa, angelehnt an das Gedicht des Persers Omar Khayyam: „Ist das Paradies denn eine Kneipe für euch? Ihr sagt, auf jeden Gläubigen warten zwei Jungfrauen – ist das Paradies denn ein Bordell?” In einer weiteren Kurznachricht schrieb er: „Der Muezzin hat das Abendgebet in 22 Sekunden ausgerufen […] Was hast du es so eilig? Eine Geliebte? Ein Raki auf dem Tisch?” Oder: „Überall, wo es Schwätzer, Schurken, Sensationsgierige, Diebe, Blödmänner gibt, sind sie alle furchtbar fromm.“

Drei türkische Bürger hatten Say daraufhin angezeigt, weil er mit seinen Twitter-Mitteilungen die islamische Religion und die Muslime schwer beleidige und religiöse Werte herabwürdige. Bei der Prozesseröffnung im Oktober hatte sich Say gegen den Vorwurf verwehrt. Er habe weder den Islam, noch die Muslime beleidigen wollen. Die Staatsanwaltschaft hatte eineinhalb Jahre Haft für Say gefordert. Der Pianist selbst war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Er tourt gerade durch Deutschland.

Say gilt als bekennender Atheist und Kritiker der religiös-konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. Der Musiker äußerte sich nun auf seiner Internetseite zu dem Schuldspruch: Das Gerichtsurteil schmerze ihn, es tue ihm auch für sein Land leid. „Ich bin extrem enttäuscht über die Einschränkungen der Meinungs- und Gedankenfreiheit. Die Tatsache, dass ich zu einer Strafe verurteilt wurde, obwohl ich völlig unschuldig bin, ist nicht nur auf einer persönlichen Ebene alarmierend, sondern auch angesichts der Meinungs- und Religionsfreiheit in der Türkei.” Wie die „Neue Osnabrücker Zeitung” berichtet, hat er zudem den Verdacht, dass Ministerpräsident Tayyip Erdogan hinter der Anklage steckt. Sobald es ihm möglich ist, will Say sein Heimatland verlassen. Schon im vorigen Jahr hatte er angekündigt, nach Japan auswandern zu wollen.

Deutsche Politiker protestieren

Die Schriftstellervereinigung PEN hat zu dem Urteil Stellung bezogen: „Wir protestieren mit Nachdruck gegen diese Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der Türkei!”, teilte die Organisation am Dienstag mit und rief zugleich dazu auf, Protestbriefe an die türkische Botschaft zu senden.

Der Prozess um Say hatte schon im vergangenen Jahr in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Über 100 Bundestagsabgeordnete, unter ihnen etwa der religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Josef Winkler, der Sprecher der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der SPD-Bundestagsfraktion, Christoph Strässer, oder die stellvertretende Vorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, hatten in einem Brief gegen das Verfahren protestiert: „In einem demokratischen und säkularen Rechtsstaat dürfen bloße Meinungsäußerungen nicht zu dem Vorwurf eines schweren Verbrechens und zu langen Freiheitsstrafen führen. Ein solches Verfahren ist zugleich ein Anschlag auf künstlerische Freiheit und im Falle von Fazil Say auch auf die Menschheitskultur.”

Initiiert hatte den Brief die türkischstämmige Linke-Abgeordnete Sevim Dağdelen. Auch gegen den Schuldspruch protestierte sie am Montag öffentlich: „Das Urteil gegen Fazil Say, wie auch die fortgesetzte Inhaftierung tausender politischer Gefangener, zeigt, dass die Türkei auf dem Weg in einen autoritären islamistischen Unterdrückungsstaat ist”, teilt sie mit. Die Meinungs- und Pressefreiheit seien in der Türkei von Ministerpräsident Erdogan gefährdet.

Fazil Say gilt als weltweit renommierter Künstler. Er wurde 1970 in Ankara geboren und studierte in Deutschland. Als Pianist trat er unter anderem mit dem New York Philharmonic und dem Israel Philharmonic Orchestra auf. (pro)

 

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