Scientology zum Abgewöhnen

 

Scientology zum Abgewöhnen

Was für ein furchtbarer Film! „The Master“ von Paul Thomas Anderson, der am kommenden Donnerstag in den Kinos anläuft, ist ein Trip in die wirre Psycho-Welt von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Dass es dem Streifen gelingt, dem Zuschauer ein derartig beklemmendes Gefühl zu verpassen, als habe er sich persönlich den „Auditings“ der Psycho-Sekte unterzogen, macht „The Master“ wieder zu einem richtig tollen Film.

Freddie Quell (grandios gespielt von Joaquin Phoenix) kommt aus dem 2. Weltkrieg zurück. Er hat keinen geringen psychischen Schaden davongetragen, vielleicht war er auch schon vorher etwas wirr im Kopf. Freddie versucht, mit einem Job als Kaufhaus-Fotograf im normalen Leben Fuß zu fassen. Doch er ist nicht gemacht für die Normalität. Seine Aggression und seine impulsive Spontaneität machen ihn nicht gesellschaftsfähig. Der Zufall treibt den orientierungslos und meistens betrunken durch die Welt torkelnden Freddie in die Arme des obskuren Sektenchefs Lancaster Dodd.

Nirgends behauptet der Film, Scientology oder dessen Gründer L. Ron Hubbard darstellen zu wollen. Der Name der Sekte fällt nie, und auch von Hubbards berühmtestem Buch „Dianetik“ ist nie die Rede. Und doch sind die Parallelen offensichtlich und gewollt. Bis hin zum Äußeren des 1911 geborenen Science Fiction-Autoren, der die noch heute existierende „Church of Scientology“ gründete, gehen die Hinweise. Hubbard veröffentlichte 1950 sein Buch „Dianetik“, in dem Jahr spielt auch „The Master“; im Film veröffentlicht Dodd das Buch „Split Saber“ (gespaltener Säbel), bei Hubbard hieß das Buch wie das sagenhafte Schwert „Excalibur“; beide Figuren schipperten des öfteren auf einem Kahn über das Meer, im Film heißt es „Aletheia“, bei Hubbard „Apollo“; und auch die Lehre von „Traumata“, welche die Menschen aufarbeiten müssen, oder Mächten von fremden Planeten, die uns beherrschen wollen, finden sich bei beiden Figuren. Die Produktionsfirma „Senator Film“ teilt mit, der „Meister“ des Films sei „lose von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard inspiriert“.

Der Meister, der mehr Macht will

Die Musik ist bei Regisseur Paul Thomas Anderson ein wichtiger Helfer dabei, den Zuschauer in die Irrungen und Wirrungen in den Köpfen von Freddie Quell und Lancaster Dodd zu entführen. Gleich zu Beginn begreift man intuitiv, dass etwas mit dem Soldaten Freddie nicht stimmt. Ein unbehagliches Gefühl macht sich breit, und dieses Unbehagen wird sich im Laufe des Films steigern zu einem Gefühl der Beklemmung. Freddie hat ein Problem, und zwar ein großes. Doch allein gelassen mit seiner Aggression, mit seiner Orientierungslosigkeit und seiner Einsamkeit irrt er durch die Welt. Unglücklicherweise gerät er in den großen Einflussbereich des „Schriftstellers, Atomphysikers und Theoretischen Philosophen“ Lancaster Dodd. Der charismatische Sektenführer weiß, wie man Menschen in seinen Bann zieht und manipuliert. Dodds „Methode“ besteht im Wesentlichen darin, mittels Psycho-Gruppen-Spielchen (die dem so genannten „Auditing“ von Scientology erstaunlich ähnlich sind) in den Seelen seiner „Patienten“ herumzustochern und ihnen etwas von Seelenwanderung und Außerirdischen zu erzählen. Ob den Menschen damit geholfen wird? Die „Aufarbeitung“ genannten Interviews sind eine Mischung aus Hypnose und dem Verhör eines sehr aufdringlichen Psychoanalytikers. Leukämie will Dodd auf diese Weise sogar heilen können. Bei Freddie löst sie nur noch mehr Verwirrung aus.

Am Ende muss Freddie erkennen, dass Lancaster Dodd in ihm nicht etwa einen Freund sieht, nicht einmal einen Patienten. Der ungehobelte Seemann dient dem Scharlatan Dodd schlichtweg als Versuchskaninchen. Und so ist dieses Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem „Master“ und seinem orientierungslosen Kaninchen der Grund für die unerträgliche Beklemmung des Films. Freddie ahnt zwar mehr und mehr, dass es sich bei Dodds Psycho-Therapien um nichts weiter als reine Fantasie handelt und dass Dodd ihn lediglich ausnutzen will. Doch die hoffnungslose Perspektive auf ein besseres, freies Leben ohne psychische Krankheit sowie die Einsamkeit in dieser Welt lassen Freddie so ratlos zurück, wie er zu Beginn war. Scientology, pardon: der Seelenarzt Lancaster Dodd haben ihm nicht geholfen, sondern ihm nur noch mehr geschadet. Denn Lancaster Dodd ist keiner, der sich um das Seelenheil seiner Patienten kümmert, sondern vor allem um die Ausweitung seiner Macht auf Menschen und auf die Einnahmen durch seine Bücher.

Der Regisseur Paul Thomas Anderson drehte mit „Boogie Nights“ 1997 einen augenzwinkernden Film über die Porno-Industrie, der inzwischen fast zum Kult-Film avancierte. Er sorgte mit dem ernsthaften „Magnolia“ (1999) für Aufsehen und drehte mit dem Comedian Adam Sandler eine bizarre Komödie namens „Punch-Drunk Love“. 2007 erntete er viel Lob und zwei Oscars für „There Will Be Blood“. „The Master“ ist seinerseits nominiert für drei Oscars: Joaquin Phoenix für die beste Hauptrolle, Philip Seymour Hoffman für die beste Nebenrolle (was eigentlich unpassend ist, das es sich bei seiner „Master“-Rolle eigentlich ebenfalls um eine Hauptrolle handelt) und Amy Adams ebenfalls für die beste Nebenrolle. Adams spielt die Ehefrau des Sektenführers Lancaster Dodd.

Ein Genuss ist es wie immer, Philip Seymour Hoffman bei der Arbeit zuzusehen. Er gewann bereits für die Rolle des Schriftstellers Truman Capote einen Oscar und war schon mehrmals nominiert. Auch Joaquin Phoenix, der sich eigentlich für einige Zeit von der Schauspielerbühne verabschiedet zu haben schien (um dann alle mit seiner seltsamen Pseudo-Dokumentation „I’m Still Here“ eines Besseren zu belehren), scheint wieder in Hollywood angekommen zu sein. Wer diese beiden Charakterdarsteller in einen Film packt, kann sicher sein, einen sehr intensiven Film zu schaffen, von dem vor allem diese beiden Hauptdarsteller im Gedächtnis bleiben.

Ein beklemmender Film, gewiss. Aber angesichts dessen, dass er eine Parabel auf die immer noch weltweit aktive Sekte Scientology ist, ein sehr guter Film. Denn mit Psycho-Spielchen nach Art der Scientology-Kirche will man danach bitteschön nichts mehr zu tun haben.

 

Eine Antwort zu “Scientology zum Abgewöhnen

  1. Das wäre auch eine Gute info für den Komm-mit Verlag in Münster versuch mal ob ich es ihr mailen kann!Mfg vom http://www.junkergrund.de

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