Das falsche Spiel des islamistenfreundlichen Katar

Geld, Waffen, Medienmacht: Katar fährt alles auf, um die politischen Verhältnisse in der arabischen Region mitzugestalten. Die Islamisten freut es. Von Alfred Hackensberger

Der Premierminister des Golfemirats, in dem sich Islamisten gut aufgehoben fühlen: Scheich Hamad Bin Jassim al-Thani

Der Premierminister des Golfemirats, in dem sich Islamisten gut aufgehoben fühlen: Scheich Hamad Bin Jassim al-Thani


In Katar gibt man sich derzeit wieder einmal moralisch. „Die Zustände in Syrien sind schmerzvoll und inakzeptabel“, sagte Scheich Hamad Bin Jassim al-Thani, der Premierminister des Golfemirats, das zu den reichsten Nationen der Welt gehört.

Das 52-jährige Mitglied der katarischen Herrscherfamilie reagierte damit auf die „fehlgeschlagene Beobachtermission “ der arabischen Liga.

„Nichts von dem ist geschehen“

Der syrische Präsident Baschar al-Assad habe versprochen, Truppen aus den Städten abzuziehen, politische Gefangene zu entlassen und oppositionelle Demonstrationen zuzulassen. „Aber nichts von dem ist geschehen“, meinte al-Thani.

„Wenn das Töten nicht sofort aufhört, sind Beobachter in Syrien sinnlos. Wir nehmen dann nur Teil an dem, was dort passiert, und das wollen wir ganz und gar nicht.“ Um deutlich zu machen, wie ernst ihm die Angelegenheit ist, fügte der Premier noch an: „Wenn Menschen sterben, können wir keine Zeit verlieren.“Katar RauchbombenStatements, die auf drastische Entscheidungen der Arabischen Liga hindeuten. Wie schon im Fall Libyen, als die Einrichtung einer Flugverbotszone empfohlen wurde, könnte die aus 22 Mitgliedern bestehende internationale Organisation arabischer Staaten nun beim UN-Sicherheitsrat ähnliche Maßnahmen fordern.
KATAR-PORTRAIT
Größter Förderer der arabischen Revolutionen?

Das gerade Mal 11.606 Quadratkilometer große Katar führt den Vorsitz der Syrien-Kommission der Arabischen Liga und hat gewichtigen Einfluss. Seit Beginn des „arabischen Frühlings“ im Dezember 2010 in Tunesien beanspruchte das Ölemirat eine führende Rolle innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft. Katar präsentierte sich als größter Förderer der arabischen Revolutionen.

Nicht zuletzt mithilfe des Nachrichtennetzwerks al-Dschasira, das sich im Besitz der katarischen Königsfamilie befindet, drangen die ersten Bilder aus Tunesien über die dortige Polizeigewalt ins westliche Bewusstsein vor.

Anfangs handelte es sich dabei um Handyvideos, wie sie später aus Libyen und heute auch aus Syrien in allen Nachrichten gezeigt werden. Al-Dschasira lieferte die Bilder des Widerstands gegen das damals herrschende Regime, noch bevor es zu Massendemonstrationen in tunesischen Städten gekommen war. Der Sender aus Katar trug somit entscheidend zum Sturz von Ben Ali bei.

Freiheit und Demokratie existieren in Katar nicht

Ein Engagement, das von der Presse zu Hause nicht erwünscht ist. Die Regierung zensiert das Internet nach pornografischen wie politisch sensitiven Inhalten. „Die meisten der existierenden Zeitungen gehören Mitgliedern der regierenden Familie“, hält Reporter ohne Grenzen fest.

„Selbstzensur ist weit verbreitet“ und „politischer und finanzieller Druck“ bestimmten die inhaltliche Ausrichtung der Presse. Freiheit und Demokratie, wie sie al-Dschasira während des „arabischen Frühlings“ glorifizierte, existieren in Katar nicht. Wahlen finden nur auf lokaler Ebene statt. Der Emir Hamad Bin Khalifa al-Thani bestimmt Premierminister und Kabinett.

Als eines der ersten Länder richtete das Ölemirat in Tunesien Lager für libysche Flüchtlinge ein, die vor dem Bürgerkrieg über die Grenze geflohen waren. Luxusunterkünfte im Vergleich zu denen des UN-Flüchtlingswerks:

Mit Internet, Fernsehzelten und Fünfsternecatering. „Alle Zelte sind speziell fabrizierte Wüstenzelte und direkt von Katar eingeflogen“, erläuterte Mohammed Kubaisi, der Campmanager. Stolz führte er über die extra betonierten Wege des Lagers zum Spielplatz, den unzählige Kinder in Beschlag genommen hatten.

„Für das Essen haben wir einen Cateringservice engagiert, der sonst nur teuere Hotels beliefert“, betonte Kubaisi. „Elf Dollar kosten uns die drei Mahlzeiten am Tag pro Person.“

„Offenes Geheimnis“

Einsatz für die Menschlichkeit, Unterstützung der arabischen Brüder und Schwestern, die für Freiheit und Demokratie kämpfen – und wenn es auch viele Millionen kostet. Das ist das Bild, das Katar im Zuge des „arabischen Frühlings“ von sich promotete. Aber der Einsatz der Ölscheichs vom Golf ist nicht so selbstlos, wie es erscheinen mag, und hat auch dunkle Seiten.

„In Tunesien ist es ein offenes Geheimnis, dass Katar den Wahlkampf von Ennahda finanzierte“, erklärt Moufida Abassi, eine TV-Journalistin, die lange Jahre für das tunesische Fernsehen arbeitete. „Wie soll es sonst möglich sein, dass eine völlig neue Organisation aus dem nichts in jeder Stadt neue Parteibüros einrichten und teuere Geschenke an Wähler ausgeben kann.“

Und aufgebracht fügte sie hinzu: „Nicht zu vergessen, dass diese islamistische Partei auf al-Dschasira im Vergleich zu anderen vielmehr Sendezeit bekam.“ Ennhada ging im Oktober als große Gewinnerin der ersten freien Parlamentswahlen in Tunesien hervor.

Panzerabwehrraketen gegen Gaddafi finanziert

In Libyen finanzierte Katar den Widerstand gegen Muammar al-Gaddaf i. Es lieferte Medizin, Krankenwagen und Satellitentelefone. Allerdings auch Gewehre, Munition und Panzerabwehrraketen, was gegen das vom UN-Sicherheitsrat verhängte Waffenembargo verstieß.

Der Emir Katars, Hamad Bin Khalifa al-Thani, hatte das ganz offen zugegeben. Der Einsatz eigener Kampfflugzeuge im Rahmen der Nato-Luftangriffe gegen Stellungen der libyschen Armee war offensichtlich nicht genug.

In der Hauptstadt Doha richtete man dem Rebellenkanal Libya TV ein modernes Fernsehstudio ein, organisierte internationale Konferenzen, auf denen die internationale Staatengemeinschaft zu finanzieller Unterstützung des libyschen Nationalen Übergangsrats aufgefordert wurde.

An Kämpfen gegen die syrische Armee beteiligt

In Libyen sollen eine Reihe der nun prominent gewordenen Figuren nicht nur in engem Kontakt mit Katar, sondern auch auf den Gehaltslisten des Emirs stehen. Einer der in diesem Zusammenhang genannten ist Abdelhakim Belhadsch, der Militärkommandeur der Hauptstadt Tripolis und ehemaliger Führer der al-Qaida-nahen Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG).

Waffenlieferungen aus Katar an seine Miliz im vergangenen Oktober sorgten in Libyen für Unmut. „Wer unser Haus betreten will, muss in Zukunft an der Vordertür anklopfen“, hatte der vormalige Öl- und Finanzminister Ali Tharhuni gewarnt – und sich damit gegen alle illegalen Waffenlieferungen ausgesprochen.

Dabei beschränkt sich die Einflussnahme keineswegs auf Libyen. Wie gut informierte Quellen melden, sollen Belhadschs Männer bereits an Kämpfen gegen die syrische Armee beteiligt sein – finanziert und ausgerüstet von Katar.

Ein Verbündeter des Iran

Verwundern würde das alles nicht. Syrien ist ein vehementer Kritiker der reichen Golfstaaten und ein Verbündeter des Iran, dessen regionale Dominanz in Katar nicht akzeptiert wird. Der Fall des Assad-Regimes käme mehr als gelegen. Und um sich gewogene politische Verhältnisse für die Zukunft zu sichern, unterstützt das Emirat im Zweifel auch islamistische Gruppierungen. Ein Modell, das sich bewährt hat.

In Tunesien siegte Ennahda bei den Wahlen, in Ägypten die Muslimbruderschaft, die von Katar ebenfalls Zuwendungen erhält.

Katar zählt seit Jahren zu den Ländern, aus denen islamistische Terrorgruppen wie al-Qaida, Hamas oder die Taliban finanziert werden. In einem von Wikileaks veröffentlichten Memo äußerte sich auch US-Außenministerin Hillary Clinton besorgt über diese Verbindung.

Kein Wunder, dass die afghanischen Taliban nun in der Hauptstadt Doha und nicht wie geplant in der Türkei ihr neues Kontaktbüro eröffnen . Islamisten fühlen sich in Katar gut aufgehoben.

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