Das große Schweigen nach dem Säure-Anschlag

Anschlag
VON SUSANNE GENATH – zuletzt aktualisiert: 23.01.2013 – 08:27

Hilden/Langenfeld (RP). Obwohl kein vergleichbarer Fall in der Region bekannt ist, äußern sich Politiker und Muslime nicht von sich aus zu der Tat.
Ein furchtbares Verbrechen ist passiert. Die junge Hildenerin Reyhan C. wurde am 29. Dezember mit Schwefelsäure übergossen und dabei schwer an einem Auge sowie am übrigen Körper verletzt. Die Täter: ihr Ex-Freund Serhat K. (22) und dessen Bekannter Alan (18), beide aus Langenfeld.

Serhat hat gestanden, Alan mit der Tat beauftragt zu haben. Denn der 22-Jährige durfte sich laut Gerichtsurteil nicht mehr seiner Ex-Freundin nähern. Bereits mehrfach hatte er die 20-Jährige bedroht, ihr aufgelauert und sie geschlagen, nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Wie sein Opfer stammt Serhat aus einer türkischen Zuwandererfamilie, Alan hat syrische Wurzeln.Die zuständige Düsseldorfer Staatsanwaltschaft kann sich an keinen vergleichbaren Fall in der näheren und weiteren Region erinnern. Säuretaten seien bislang eher aus Ländern des Mittleren Ostens bekannt. Und obwohl nun mitten in der Itterstadt – in einer Wohnsiedlung am Albert-Schweitzer-Weg nicht weit vom S-Bahnhof Hilden-Süd entfernt – ein Säureattentat verübt wurde, herrscht hier das große Schweigen.

Politiker, die sonst jeden Besuch einer Reisegruppe vermelden, bleiben stumm und äußern sich erst auf Nachfrage widerwillig, genauso muslimische Vereine. Dabei könnten sie gerade jetzt Akzente setzen und sich klar positionieren.Aus der Bevölkerung hingegen werden jede Menge Stimmen laut, die einen klaren Zusammenhang zwischen der Tat und der türkischen Herkunft von Opfer und Täter sehen sowie dem Bild der Frau in muslimischen Kulturkreisen. Stimmen, die bezweifeln, dass die Integration dieser Zuwanderer gelungen ist. Stimmen, die großen Handlungsbedarf sehen, um ähnliche Taten zu verhindern.

Auch Gespräche mit Türken, die sich selbst als integriert betrachten, sorgen zum Teil für Stirnrunzeln. „Er hätte sie doch nur schlagen und nicht gleich mit Säure übergießen müssen“, bekommt man da zu hören. Oder: „Einige sagen, sie hätte es verdient.“ Journalisten, die bei Kulturvereinen Stellungnahmen erbitten, müssen erst die genauen Hintergründe der Tat schildern („Hat der Mann das selbst ausgeführt oder einen Freund beauftragt?“, „War er eifersüchtig?“), ehe als Antwort kommt: „So etwas ist nicht schön.“

Nicht schön?

Nicht schön ist ein ungepflegter Garten. Doch ein Säureattentat sollte jeder, egal aus welchem Kulturkreis, vehement ablehnen, ohne erst die näheren Umstände zu erfahren. Solche Antworten werfen in der Tat die Frage auf, inwiefern die Integration bestimmter Zuwanderergruppen erfolgreich ist.

Natürlich kann Eifersucht in jedem Volk zu schlimmen Verbrechen führen. Nicht umsonst wurde in Deutschland ein Stalkinggesetz verabschiedet, das – in der Regel – Frauen vor ihren Ex-Partnern schützen soll. Doch selbst zu Äußerungen in diese Richtung scheinen Politiker und muslimische Vereine nicht von sich aus bereit zu sein. Dabei wäre es jetzt die Gelegenheit, die stärkere Anwendung des Gesetzes zu fordern und so weitere Taten – egal in welchem Kulturkreis – in Deutschland und damit auch in Hilden oder Langenfeld zu verhindern.

Das Säureattentat ist traurig, das große Schweigen derer, die Veränderungen herbeiführen könnten, ein Trauerspiel.

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