Angriff auf deutsche Soldaten Land und Meute

23.01.2013 · Fünf Bundeswehrsoldaten der Patriot-Einheiten werden in der Hafenstadt Iskenderun von türkischen Ultranationalisten angegriffen. Einem der Deutschen wird ein Sack mit weißem Pulver über den Kopf gezogen. Ein Missverständnis?
Von Michael Martens, Istanbul

Oberst Marcus Ellermann, Kontingentführer der in der Türkei eingesetzten deutschen Patriot-Einheiten: Öffentlichkeitsarbeit vonnöten

Oberst Marcus Ellermann, Kontingentführer der in der Türkei eingesetzten deutschen Patriot-Einheiten: Öffentlichkeitsarbeit vonnöten


Chauvinisten haben ein langes Gedächtnis. Sie bringen aber offenbar mitunter etwas durcheinander. So ließe sich jedenfalls erklären, warum ein fast zehn Jahre zurückliegendes Ereignis in der türkischen Hafenstadt Iskenderun zu einem Überfall auf fünf deutsche Soldaten geführt hat – obwohl der Angriff womöglich Amerikanern galt. Am Montag war dort die Ausrüstung für die deutschen Patriot-Einheiten an Land gebracht worden, die von Anfang Februar an, nach derzeitigem Mandat bis Ende Januar 2014, in der türkischen Provinz Kahramanmaras die Hauptstadt der Region vor einem Beschuss durch syrische Raketen beschützen sollen.

Nach Darstellung der Bundeswehr wurden die Soldaten am Dienstag um kurz vor vier am Nachmittag von etwa 40 türkischen Zivilisten bedroht. „Beim Verlassen eines Geschäfts wurden die in Zivil gekleideten Soldaten durch die Gruppe angepöbelt und bedrängt. Dabei wurde einem der Soldaten ein Sack über den Kopf gezogen, in dem sich weißes Pulver oder Puder befand“, heißt es in einer Mitteilung der Bundeswehr.
Türkische Sicherheitskräfte, die den offenbar zu einem Einkaufbummel aufgebrochenen deutschen Trupp begleiteten, griffen sofort ein und konnten so „eine weitere Eskalation“ verhindern, heißt es weiter. Das war womöglich nicht übertrieben, denn der einem der Deutschen über den Kopf gestülpte Sack ist ein Zitat, das in der Türkei fast jeder versteht.
Ein Vorfall, der den türkischen Nationalstolz verletzte

Die Anspielung bezieht sich auf einen Vorfall vom Juli 2003, als amerikanische Soldaten in der kurdisch geprägten Stadt Suleimanija im Nordirak elf Soldaten einer türkischen Sondereinheit überwältigten, fesselten, ihnen Säcke über den Kopf stülpten und zum Verhör nach Bagdad brachten. Einheiten der türkischen Armee operieren seit Jahren immer wieder auch im Nordirak, weil sich in der von Kurden besiedelten Region auch Lager der kurdischen Terrororganisation PKK befinden. Die Hintergründe des amerikanischen Überfalls auf die türkische Einheit konnten nie geklärt werden, da beide Seiten später Stillschweigen darüber vereinbarten. Washington beharrte aber darauf, der Zugriff sei aus „ernsthaften Gründen“ erfolgt.

Fest steht, dass er ernsthafte Folgen hatte. Der türkische Generalstab sprach von einer tiefen Verletzung des türkischen Nationalstolzes und der Ehre der türkischen Streitkräfte. Die Türkei sperrte ihre Grenzen für amerikanische Nachschubverbände. Erst drei Tage später, nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei dem damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Cheney interveniert hatte, wurden die Türken freigelassen. Die Vorstellung von den türkischen Elitesoldaten, die mit Säcken auf dem Kopf wie Terroristen abtransportiert werden, hat sich der zutiefst nationalistischen und zum großen Teil militaristischen Gesellschaft der Türkei indes tief eingeprägt.
Angreifer vermutlich Ultranationalisten

Der Vorfall diente einem türkischen Regisseur drei Jahre später als Vorlage für den vor Hass gegen Amerikaner, Juden und den Westen triefenden Film „Tal der Wölfe“. Darin wird das wegen der dort verübten Menschenrechtsverletzungen berüchtigte amerikanische Gefängnis Abu Ghraib als Konzentrationslager dargestellt, in dem ein (jüdischer) Arzt Häftlinge zur Organentnahme aussondert. Am Beginn des Films steht die Szene des Überfalls auf türkische Soldaten.

Der Film war ein großer Erfolg in der Türkei, die Szene des Überfalls lagerte sich im kollektiven Gedächtnis der Türken ab, als handle es sich um eine dokumentarische Darstellung. Es ist daher durchaus möglich, dass die Angreifer von Iskenderun vor allem von der Erinnerung an das Filmzitat bewegt waren. Bei dem Mob handelte es sich nach ersten Berichten um Mitglieder der ultranationalistischen „Türkischen Arbeiterpartei“, die für ihre radikale Rhetorik gegen Kurden, Armenier, Griechen und andere Minderheiten bekannt ist.

Einer der Rädelsführer sagte nach türkischen Medienberichten vom Mittwoch, dass er keinen Unterschied mache, ob die Überfallenen Amerikaner oder Deutsche seien – Westler sei Westler: „Wir werden es nicht zulassen, dass die Türkei das Zentrum von Angriffen auf den Nahen Osten wird. Wir werden es Soldaten Amerikas und der Nato nicht gestatten, sich frei in diesem Land zu bewegen. Ob es deutsche oder amerikanische Soldaten waren, denen wir Säcke überstülpten, ist egal. Sie sind alle Nato-Soldaten.“

Diese Aussage wird indirekt von der Bundeswehr bestätigt. „Auf einem Flugblatt, das auf einer Demonstration gegen den Patriot-Einsatz unter den Demonstranten in Iskenderun verteilt wurde, stand sinngemäß: ,Wir treffen uns, bringt eure Säcke mit‘“, sagt ein Bundeswehrsoldat.
Bedrohung durch türkische Chauvinisten

Der Vorfall von Iskenderun zeigt, dass die größte Bedrohung der in der Türkei eingesetzten deutschen, niederländischen und vor allem amerikanischen Patriot-Einheiten womöglich nicht syrische Raketen, sondern türkische Chauvinisten sind. Ein Angriff des syrischen Regimes auf das Nato-Mitglied Türkei ist zumindest derzeit äußerst unwahrscheinlich.

Lässt sich das auch für Angriffe radikaler türkischer Nationalisten sagen? Die mutmaßlich für den Zwischenfall von Iskenderun verantwortliche politische Bewegung ist zwar nur eine Splittergruppe in der Türkei, ihr extremer Nationalismus hat aber eine bedeutend stärkere Breitenwirkung. In Kahramanmaras, dem deutschen Einsatzort, schwirren seit Tagen seltsame Ansichten über den angeblichen Zweck der ausländischen Militärpräsenz vor den Toren der Stadt umher. Die Nato wolle Israel dabei helfen, Iran zu bombardieren, ist zu hören.

Die Ansicht, die Amerikaner bereiteten eine Invasion Syriens vor, befindet sich ebenfalls im Angebot der reichhaltigen anatolischen Gerüchteküche. Der Einsatz der Nato in der Türkei sei Teil eines Plans, „den Nahen Osten in einen See aus Blut zu verwandeln“, sagte ein Redner bei einer Protestveranstaltung.
Bundeswehr will Kontakt zur Bevölkerung suchen

Bei der Bundeswehr hat man erkannt, dass Öffentlichkeitsarbeit vonnöten ist. „Da wir hier Gäste sind, kann das aber nur in enger Abstimmung mit der türkischen Armee und den zuständigen Behörden geschehen“ sagte Oberst Marcus Ellermann, Kontingentführer der deutschen Patriot-Einheiten, am Mittwoch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ideen gibt es viele. Von einer Art „Tag der offenen Tür“ ist die Rede, bei der den Einwohner der Stadt, soweit die militärische Geheimhaltung das ermöglicht, Einblick in die Aufgabe des Patriot-Kontingents gewährt werden könnte. Auch öffentliche Vorträge mit dem gleichen Zweck seien möglich.

Weil dazu aber die Zustimmung der Türken notwendig ist, müssen sich die Deutschen einstweilen damit begnügen, stets zu wiederholen, dass es die türkische Regierung war, die den Einsatz anforderte. Vielleicht sollte außerdem auch das Vorbereitungsprogramm ausgeweitet werden, das Bundeswehrsoldaten vor ihrer Entsendung in die streng islamisch-konservative Provinz Kahramanmaras durchlaufen. In der Nähe von Rostock wurde das erste entsandte Kontingent durch ein mehrtägiges landeskundliches Seminar für den Einsatz geschult. Dort könnte künftig auch der Film „Tal der Wölfe“ gezeigt werden.

Quelle: F.A.Z.

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