Der Sinnsucher

 

 

Barino Barsoum suchte nach Sinn. Er fand den Islamismus. Gewalt und Tod im Namen Mohammeds hielt er für legitim. Als ihm der Glaube vorschrieb, seine nicht-muslimischen Eltern zu hassen, kam er ins Grübeln. Dabei entdeckte er Jesus. Für pro hat Barino seine Geschichte erzählt.

Verschiedene Ausgaben des Koran füllen die Regale gleich neben seiner Wohnzimmertür. Sie stehen neben blauen und roten Büchern mit goldenen, arabischen Schriftzeichen. Über dem Eingang zur schmalen Küche hängt ein Kruzifix. Mittendrin: Barino Barsoum. Die Spitzen seiner dunklen Haare stoßen fast an den Türrahmen. Mit seinen rund Ein-Meter-Neunzig scheint er so gar nicht in die kleine, enge Wohnung zu passen. Doch die arabischen Bücher und das Kreuz beweisen das Gegenteil. Sie sind Zeugnis der bewegenden Geschichte eines gerade mal 28-Jährigen.

In grauem Pullover und ausgewaschenen Jeans sitzt er am Esstisch. An der Wand ihm gegenüber hängen Bilder: Barino mit seiner Frau, mit Familie und Freunden, eine Karikatur seines markanten Profils. Beim Reden tippen Barinos Finger immer wieder gegen ein Glas Orangenschaft, schieben es hin und her. Seine dunklen Augen hinter der randlosen Brille suchen Blickkontakt. Barino Barsoum erzählt aus seiner Vergangenheit: Vom Sinnsucher wurde er zum Islamisten, dann zum koptischen Christen. Er hat sich für die Öffentlichkeit schon oft daran erinnert. Ließ sich sogar filmen auf dem Weg in den Islamismus und schließlich wieder hinaus. An diesem Abend erzählt er noch einmal. Fast zwei Stunden lang.

Die andere Seite des Islam

„Ich habe die andere Seite gesehen“, ist einer von Barinos ersten Sätzen. Er meint die andere Seite des Islam. Die extreme Seite, deren Vertreter Gewalt und Hass befürworten. Die die Worte des Propheten Mohammed und den Inhalt des Koran an oberste Stelle setzen und kompromisslos danach leben. Abgeschottet von der westlichen Welt, von den „Ungläubigen“, zu denen für sie auch Juden und Christen zählen.

Vor zehn Jahren hält Barino nur diese extreme Form des Islam für authentisch. Er beginnt, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Aufgewachsen ist der Sohn einer deutschen Katholikin und eines koptischen Christen aus Ägypten in Köln. Trotz des christlichen Hintergrunds der Eltern spielt Religion im Hause Barsoum keine Rolle. Barino aber sucht nach Sinn im Leben. Muslimische Freunde bringen ihm den Islam nahe, er ist von deren Lebensstil fasziniert. Also besucht er die Moschee, beschäftigt sich intensiv mit dem Koran und ist schließlich überzeugt: Nur der Islam ist die einzig wahre Religion. Mit 18 Jahren konvertiert er und bekennt: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Prophet ist.“

Barino lernt Arabisch, studiert die Aussagen des Propheten Mohammed und rezitiert mit Hingabe Koranverse. Fünf Jahre nach seiner Bekehrung ist er so weit, dass er selbst die zur Gewalt aufrufenden Verse und Aussprüche des Propheten akzeptiert. Dass es im Koran auch den Appell zum respektvollen Miteinander und Frieden gibt, steht dem seiner Meinung nach nicht entgegen. „Es gibt drei historische Entwicklungsstufen des Dschihad. Von einem inneren, spirituellen Kampf hin zu einem physischen Kampf, um den Islam zu verbreiten.“ Barino spricht ruhig und deutlich. Seine Worte sind klar, die Sätze wohlüberlegt. Seine Argumentation ist logisch. Ein Kopfmensch, der die Dinge lieber zehn Mal durchdenkt, als einmal etwas Falsches zu sagen.

„Liebe und Hass in Allah“

Doch je mehr sich der junge Mann mit den Inhalten des Islam auseinandersetzt, desto mehr gerät er ins Zweifeln. Besonders mit einem Grundsatz kommt er nicht zurecht: „Liebe deinen Nächsten in dem Maße, in dem er Allah und Mohammed gehorsam ist, und hasse ihn in dem Maße, in dem er Allah und Mohammed ungehorsam ist“. Barino kämpft darum, die Regel von „Liebe und Hass in Allah“ umzusetzen. Kontakte zu Nicht-Muslimen reduziert er auf ein Minimum. Jeden Tag besucht er die Moschee, hört Vorträge zum Islam, diskutiert mit den Imamen und studiert den Koran. Die „Abu-Bakr“-Moschee, die für radikale Tendenzen bekannt ist und vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist sein Zuhause geworden.

„Der Moslem muss sich bewusst sein, dass er seinen Glaubensbruder nicht vollständig lieben darf. Denn kein Mensch ist vollständig gehorsam gegenüber Allah. Und er muss sich bewusst sein, dass er den Ungläubigen vollständig hassen muss. Denn der spricht ja noch nicht einmal das Glaubensbekenntnis“, erzählt Barino. Aber für seine nicht-muslimischen Eltern Hass empfinden? Das ist für ihn ein aussichtsloser Kampf gegen die eigenen Gefühle. „Das war ein Glaubensdogma, was ich intellektuell begriffen habe, was ich aber nicht leben konnte. In meinem Herzen habe ich etwas anderes gefühlt“, erinnert er sich. Der junge Moslem kommt ins Zweifeln. Ist es richtig, einer Religion zu folgen, die in seinen Augen Unmenschliches von ihm verlangt? Einer Religion, die Ansprüche an ihn stellt, die er nicht einmal ansatzweise erfüllen kann?

Mohammed und die Küken

Draußen ist es jetzt fast dunkel. Barino schiebt einen Teil der Herbstdekoration auf dem Tisch ein Stück zur Seite. Wieder rückt er das nun halbleere Glas Orangensaft auf der Tischplatte hin und her. Dann führt er seine Geschichte fort. Barino erzählt von der Begegnung, die ihn wachgerüttelt hat. Er sitzt in der Moschee, liest den Koran. Da geht ein Junge auf ihn zu, Barino schätzt ihn auf 13 Jahre. Er kommt gerade aus einem Vortrag – und ist verstört. Ein Imam hatte ihm und den restlichen Kindern im Raum gesagt: „Besorgt euch kleine Küken und hackt ihnen die Köpfe ab! Denn es wird eine Zeit kommen, da werdet ihr so den Juden die Köpfe abschlagen.“ Barino fällt ein Ausspruch Mohammeds ein, in dem der Prophet den Kampf der Muslime gegen die Juden in ähnlicher Weise voraussagt. Barino ist sofort klar, dass der Imam den Jungen die alte Geschichte plastisch näherbringen wollte. Damals wie heute bewegt ihn dieses Erlebnis. „Als ich das aus dem Mund dieses Jungen hörte, war das für mich ein harter Schlag. Es hat mir gezeigt: Hier stimmt irgendwas nicht.“

Es ist nicht das einzige, was für ihn zu diesem Zeitpunkt nicht mehr stimmt. Besonders die Person Mohammeds stellt er in Frage. Heute sagt er: „Niemand, der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, kann an diesen Mann als einen von Gott gesandten Propheten glauben.“ Er berichtet von Mohammeds unzähligen Frauengeschichten und Minderjährigen, mit denen der Prophet sexuellen Umgang gehabt habe. Er erzählt, dass sich Mohammed mit Hilfe eines Koranverses die Frau seines Adoptivsohns zu eigen gemacht habe. Barino scheint es für unmöglich zu halten, dass dieser Mann für ihn einmal ein Heiliger war.

„Jesus war authentisch“

Die Vorbereitung auf einen Vortrag über den christlichen Glauben – aus islamischer Sicht – bringt ihn im Jahr 2007 schließlich zur endgültigen Abkehr vom Islam. „Jesus und das bekloppte Glaubenskonstrukt der Christen“ lautete das Thema. Barino steht auf und nimmt eines der vielen blauen Bücher mit goldener Schrift aus dem Schrank: Die Aussprüche des Propheten Mohammed. Klebezettel an den Seitenrändern zeugen vom intensiven Studium. Ein Gelehrter hat sich in diesem Buch zu verschiedenen Themen geäußert, unter anderem zum Christentum. Barino blättert einige Zeit, bis er die richtige Seite gefunden hat. Der Zettel an dieser Stelle hebt sich von den anderen ab, ist grell-orange. Hier geht es um Jesus. Bibelverse sind aufgeführt. Sie wirken aus dem Zusammenhang gerissen und unvollständig.

Barino will es damals genauer wissen. Also schlägt er die Bibel auf. Er liest die angegebenen Stellen nach, und ist überwältigt. Besonders von der Person Jesus. „Er war authentisch und hat sich ganz an das Wort Gottes gehalten.“ Besonders seine Barmherzigkeit gegenüber Sündern bewegt Barino zutiefst. Das gebe es im Islam nicht, sagt er. Dort werde eine Ehebrecherin nach der Geburt des unehelichen Kindes gesteinigt. Als Jesus einer Ehebrecherin begegnet sei, habe er ihr vergeben. „Jesus hat nie etwas für sich getan. Er ging sogar so weit, dass er sein Leben für die anderen gab.“ Für Barino steht fest: „Ihm kann ich ganz vertrauen. Jesus ist das, wonach mein Herz strebt.“

Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit

Laut islamischem Gesetz ist Barino nun, nach Abkehr vom Islam, todeswürdig. Er spielt mit den Klebezetteln an dem mittlerweile zugeschlagenen Buch. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass er auf offener Straße erschossen würde, sagt er. „Die Leute sollen sich mal nicht so viele Sorgen machen.“ Barino klingt genervt. „Genauso gut könnte ich auf einer Bananenschale ausrutschen und mir das Genick brechen.“ Er lacht. Allerdings hat ihm der Imam damals den „sozialen Tod“ angekündigt. Jedem Mitglied der Moschee wurde der Kontakt zu dem „Abtrünnigen“ verboten. „Aber in Christus hatte ich etwas gefunden, das mir sowieso niemand von ihnen hätte geben können.“ Mittlerweile ist Barino Mitglied einer koptischen Gemeinde. Im koptisch-orthodoxen Glauben hat er den Sinn gefunden, den er immer gesucht hat. „Jesus sagt: ‚Gestaltet euer Leben.‘ Ich kann Verantwortung übernehmen und bin keine Marionette mehr.“ Barino wirkt erleichtert. Er hört auf, an den Notizzetteln zu spielen. Das Glas Orangensaft ist leer, der Kölner Himmel nun nachtblau.

 

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